Die Tochter des Baumes
Unter dem Rosengartengebirge, wo der Weg von Fassa nach Völs führt, breitet sich der Nigerwald aus. Dieser Wald ist groß und Dunkel. An seinem Rande stand eine baufällige Hütte in der ein Pechklauber und sein Weib wohnte. Sie waren sehr arm, doch die Frau wünschte sich so sehr ein Kind. Einmal, als die Frau vom Fassatal über den Karer Paß nach Hause zurückging, kam sie an die Quelle von der man sich erzählte, dass sie sprechen könne vorbei. Am Morgen hatten die Blumen zu ihr gesprochen und nun wollte sie hören was die Quelle zu sagen hatte. Sie hörte dem Wasser aufmerksam zu und ging nach Hause. Ihr Mann glaubte ihr die Geschichte nicht, doch das Weib wollte den merkwürdigen Rat der Blumen und der Quelle befolgen. Sie suchte sich im Wald ein schönes Bäumchen aus, das sie nun jeden Tag mit siebenundzwanzig Blumen bekränzen solle, hatten die Blumen und Gräser gesprochen. Die Quelle riet ihr dies sieben Sommer lang zu tun. Wenn sich der siebente Sommer zu Ende neigte, solle sie ein Beil nehmen, die Äste abhacken und schließlich den Stamm spalten. Das Bäumchen veränderte sich sehr in diesen sieben Jahren. Anfangs hatte es viele Zweige, doch die meisten vielen ab und es blieben am Ende nur zwei sich gegenüberstehende Äste übrig. Rund um den Stamm wuchsen Gräser mit sehr hohen, dünnen und biegsamen Halmen. Als der siebende Sommer zu Neige ging nahm die Frau ein Beil und ging zu ihren Bäumchen in den Wald. Als sie nun den einen Ast abhackte stöhnte das Bäumchen. Sie erschrak sehr und lief fort. Am nächsten Tag schlug sie den zweiten Ast mit einen Hieb herunter. Als sie das Bäumchen wieder stöhnen hörte traute sie sich ein paar Tage nicht mehr in seine Nähe. Doch dann vollendete sie das Werk und hackte den Stamm entzwei.
Das Bäumchen schrie laut auf und fiel in Stücke auseinander. Am Boden lag ein
Püppchen in ein dünnes, scharlachrotes Tüchlein gehüllt. Das Weib nahm es auf und wickelte einen der Grashalme um das Tüchlein um es zu halten und lief eilig nach Hause. Der Mann betrachtete verwundert das kleine Wesen.
Die Jahre vergingen und Borina, das Baumkind wuchs zu einer schönen, starken und fleißigen Jungfrau heran. Doch dann starb die Ziehmutter und Borina hatte keine gute Stunde mehr denn der Ziehvater war immer unzufrieden und schlecht gelaunt. Als Sie eines Tagen in den Wald gegangen war um Holz zu sammeln, kam von den Felsen ein hagerer, grün gekleideter Mann herunter und bat den Pflegevater um Borinas Hand. Der feilschte mit dem Fremden um das Mahlgeld und schlug ein.Ein Gewitter zog über den Rosengarten als der Grüne das Mädchen im Wald fand. Er grüßte und berichtete ihr ,dass er sie soeben für Mahlschatz gekauft hätte und sie nun seine Braut wäre. Er forderte sie auf , ihm zu folgen. Als sie dies verweigerte drohte er mit funkelnden Augen, sie werde beide Arme verlieren. Sie gehorchte aber nicht; da wurde das Gesicht des Fremden zu einer Fratze; gleichzeitig streckte er die Arme aus und machte mit gespreizten Fingern unheimliche Zeichen. Plötzlich vielen dem Mädchen beide Arme ab und wurden zu Holzscheiten. Borina schwanden die Sinne und als sie später zu sich kam war der Fremde verschwunden. Und nun erblickte sie einen berittenen Jäger, der sich durch das Dunkel des Waldes langsam näherte. Der junge Mann stammte aus einem uralten Adelsgeschlecht das auf Falzigg ,heute Völsegg, saß. Er hatte eine leidenschaftliche Vorliebe für das Weidwerk. Zu Fuß ging er am liebsten in den Tschafatschwände hinauf oder in die Pitschidölschlucht; wenn er aber zu Ross auszog, führte ihn sein Weg meist ins Pusenlin und dann hinauf in den dunklen Nigerwald. Dort fand er eines Tages das unglückliche Mädchen das seine Arme verloren hatte. Er ließ sich von ihr erzählen, wie das geschehen war, und während er ihr zuhörte, verspürte er ein tiefes Mitleid mit ihr. Zu hause erzählte
er der Stiefmutter begeistert von seiner Bekanntschaft. Die Schlossherrin wusste
gleich Bescheid; ihr Mann hatte ihr erzählt, dass , als der Junge noch klein war , eine böse und eine gute Fee dem Buben die Zukunft geweissagt habe. Die Gute sagte er werde das armseligste Weib heiraten, das es auf der ganzen Welt gäbe, die Böse bemerkte, was auch geschehen werde, Zwillinge würde er nicht aufziehen. Als der Vater des Jungen Mannes davon hörte bemerkte er, dass Feensprüche immer in Erfüllung gehen würden. Trotzdem versuchte er den Sohn davon abzubringen. Aber es war alles umsonst. Der junge Ritter ließ sich auf keine Weise von seinem Vorhaben abbringen, und schon nach einigen Wochen führte er das Weib ohne Arme als seine Gattin nach Falzigg.
Sie lebten glücklich ein Jahr zusammen als eines Abends plötzlich der urmwächter
ins Horn stieß und das herannahen fremder Reiter ankündete, die kamen um den
Ritter zu einem Kriegszuge abzuholen. Die junge Frau war entsetzt und wünschte
sich er würde gerade jetzt bei ihr bleiben, denn sie war in freudiger Erwartung. Auch der Gatte konnte nicht verhehlen, dass er erschüttert war. Doch er riss sich los, bestieg seinen Streithengst und sprengte davon. Einige Tage später gebar sie Zwillinge. Erst nach drei langen Jahren kehrte der junge Ritter wohlbehalten nach Falzigg zurück. Die Stiefmutter führte ihn sogleich in ihre Kemenate und erzählte von den Zwillingen. Als er dann mit seiner Gattin zusammentraf, war seine Freude nicht so, wie sie sich’s vorgestellt hatte. Und als sie dann die Kinder zu ihm brachte, merkte sie deutlich seine Enttäuschung. Es lag etwas in der Luft, etwas wie ein dunkler Harm, von dem aber beide nicht zu sprechen wagten. Eines Abends aber brach der Ritter das Schweigen und sagte seiner Gattin bittere Worte. Am nächsten Morgen, hatte Borina die Kinder schon geweckt und war im Begriffe mit ihnen fortzugehen.
Ihr Gatte fragte sie was sie vorhätte. Sie antwortete, dass sie wieder in den
Nigerwald, aus dem sie gekommen war, zurückgehen werde, denn sie wäre ja nur die Tochter eines Baumes. Er trat auf den Söller und blickte ihr nach und es wurde ihm schwer ums Herz. Sieben Tage hielt er es aus, dann ließ er sein Pferd satteln und ritt in den Nigerwald hinauf. Der Ritter trabte tief in den Wald hinein als er plötzlich am Ufer eines dunklen Tümpels seine Gattin erblickte. Auch bemerkte er eines der Kinder; aber als es ihn sah, lief es weg und verbarg sich in einem hohlen Baum. Er kam näher und bemerkte, dass Borina sich bemühte das andere Kind, welches ins Wasser gefallen war, herauszuziehen. Sofort ging ihm der Gedanke durch den Kopf, dass sie das ohne Arme nie zustande bringen könne. Er sprang vom Pferd und eilte hinzu, da bemerkte er, dass Borina das Kind in den Armen hielt. Erstaunt fragte er seit wann sie ihre Arme wieder hätte. Sie antwortete sie wären ihr in dem Moment gewachsen als sie verzweifelt versucht hatte das Kind zu retten. Das Kind bewegte sich und schrie; es war ihm nichts geschehen. Nun suchte sie das andere Kind und er sagte, dass in den hohlen Baum gekrochen sei. Der Baum hatte sich geschlossen und sie hörten das Kind leise singen.
„O, lass mich da nach meinem Sinn,
ich bin so gern im Baume drin.
Die Frau sagte sie glaube das Kind wäre gut aufgehoben, es würde ganz in den
Baum hineinwachsen und Blatt und Blume werden. Vielleicht wäre das von Anfang
an sein Schicksal gewesen. Der Ritter aber sagte er wisse nun was die Fee gemeint hatte, als sie erklärte, er würde keine Zwillinge aufziehen.
Er half ihr in den Sattel, reichte ihr das Kind und führte sie zurück zum Schloss.
Hinter dem hohen Rosengarten war still die Mondscheibe heraufgestiegen und die lange Zackenkette ragte nun schwarz in den Himmel. Kühl strich die Luft aus den Wäldern herab. Aber das Schloss war ganz mit Mondlicht übergossen und schien die Ankommenden voll Seeligkeit zu erwarten.
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